…und so lag dann doch Aion in meinen Händen. Aion – dieser Asia-Grinder, der extra für den europäischen Markt angepasst wurde, weil Europäer halt nicht gerne grinden. Ich mag auch nicht grinden. Ich will tolle Geschichten und Abenteuer erleben. Dieser ganze Hype im Vorfeld über das Spiel konnte ich geflissentlich widerstehen, ja teilweise sogar ignorieren. Das was ich sah, überzeugte mich genauso wenig, wie die heiße Nachspeise beim Chinesen: Banane mit Puderzucker. Aion war meine heiße (Software)-Banane mit Puderzucker: es wirkte auf mich die ganze Zeit einfach immer noch zu sehr ….naja….typisch asiatisch. Und überhaupt, ich wollte doch keine MMOs mehr spielen.
Einmal Spieler, immer Spieler. Routinierte Handbewegung. Sobald man eine Silberscheibe in den Händen hat, muss man es installieren. Der erste Patch mit 490 MByte wurde direkt danach runter geladen. Links auf meiner Schulter gab mir der Pessimist gleich recht: „Oh, sieh an. Kaum 14 Tage auf dem Markt und schon ein 500 MByte Flicken. Na, das wird ja eine schöne Bugschleuder.“ Der Optimist auf der anderen Schulter hielt dagegen: „Hey, 500 MByte Patch. Toll, diese Entwickler sind wirklich auf Zack.“
Im Intro musste ich beim Märchenonkel aus dem Off erst mal gleich die Augen verdrehen. Das war schon irgendwie leicht peinlich. Flugs wurde die Hintergrundgeschichte der Welt Atreia abgehakt, es flogen nur so komische Namen in die Hirnwindungen, dass ich fast nicht mehr mitkam. Die klassische Rassenfrage bei Fantasyspielen, Elyos (hell, hüsch und nett – die Guten) oder Asmodier (dunkel, attraktiv und böse), konnte ich schnell zugunsten der Asmodier entscheiden. Vier Startklassen, die auch dem Standard-Fantasy-Baukasten entsprungen sind und keine keine weiteren Erklärungen bedürfen: Priester, Späher, Magier, Krieger. Wer für was gut ist, dürfte klar sein.
Natürlich wurde es ein Krieger. Ich spiele immer Krieger. Ich spiele immer einen Tank. Nur bei Pen&Paper-Rollenspielen nehme ich komischerweise immer eine magische Klasse. Was wohl ein Psychologe dazu sagen könnte… Anyway, ich war im Charakterbaukasten. Und dieser hat mich das erste Mal umgehauen – im positiven Sinne. Ich bin jemand, der sich absolut mit einer Spielfigur identifizieren muss. Ich probiere an dieser Stelle immer viel aus, schaue mir Mimik, Animationen, Bewegungsabläufe an. Wie sitzt das gewählte Haar? usw. Oftmals gehe ich dann bei Rollenspielen wieder raus, lösche den Charakter und erstelle einen neuen, bis er äußerlich perfekt ist. Aions Charakterbaukasten ist beeindruckend umfangreich. Wirklich jedes noch so kleine Körperliche Detail konnte per Schieberegler verstellt werden. Alleine hier brachte ich fast eine Stunde mit zu.
Mit etwas Fummelarbeit konnte ich mir sogar meine geliebten Zwerge nachbauen. Cratosch (alle meine ersten Zwerge in Fantasyspielen heißen so) war somit auch in Aion geboren. Zwischen all den hochaufgeschossenen anderen Charakteren falle ich damit ziemlich auf.
Aions Welt ist hübsch! Die Grafik wird von der CryEngine 1 (Far Cry) befeuert und macht einen stimmigen, farbenfrohen bis landschaftlich leicht quitschigen Eindruck. WOW!-Effekte, wie ich sie aber bei WoW hatte, fehlen mir ein wenig, was aber mit der gesamten Inszenierung zusammen hängt. Der Genreprimus hat das alles noch runder gemacht. Der weitere Einstieg ist kinderleicht und nach Genre-Standard. Mit den Hilfemenüs für Einsteiger mit ihren kleinen Videoschnipseln könnte selbst meine Großmutter den Charakter in ihre erste Instanz führen. Ein leichter Asia-Faktor blitzt hier und da bei den bunten Effekten und den Charaktermodellen durch. Das stört aber überhaupt nicht. Ich bin zudem jemand, dem das ganze neumoderne asiatische Zinnober – abgesehen von ihrer Küche – völlig kalt lässt. Das Monsterdesign ist erfrischend anders. Abstrakte Geschöpfe wechseln sich mit Knuddelköpfe-Design ab.
Die ersten Quests gingen gut von der Hand, waren aber alle auf „Töte 5 kriechende Kreaturen – Danke. Jetzt hol mir noch 8 Fußnägel der Kreaturen“ und Botenaufgaben von A nach B zu C beschränkt. Immer mal wieder erzählen kurze und gut animierte Cut-Sequenzen, der CryEngine sei dank, die Geschichte in In-Game-Grafik weiter. Groß gefühlsmäßig erreicht hat mich die Geschichte bisher allerdings nicht. Die Fertigkeiten sind verständlich, Kämpfe gegen Monster der gleichen Stufe und leicht darüber sind für ein Startgebiet zum reinschnuppern schon halbwegs anspruchsvoll. Auto-Attack wird nicht empfohlen. Dafür läuft man anfangs nicht in Lumpenklamotten herum, sondern trägt schon recht schicke Rüstungen.
Was soll ich rückblickend bis jetzt sagen? Aion hat mich wirklich positiv überrascht. Das Startgebiet habe ich heute hinter mir gelassen. Gleich werde ich noch fliegen lernen (ja-haa, lernt man bereits mit 10!). Zusammen mit Flugkampf soll das später eine Kernkomponente des Spiels sein und nicht wie es in World of Warcraft nachträglich mehr schlecht als recht einfach nur draufgepfropft wurde. Aion hat bisher alles richtig gemacht, was ein MMORPG 2009 machen muss. Ich finde nichts zu meckern. Bin gespannt, ob der Grind-Faktor später noch durchbricht. Wenn ich im Chat schon Anfragen lese, nach „Suche Templer für Lavadorf-Grinding“, könnte der spätere Einbruch vielleicht noch kommen. Überhaupt sollte NCSoft dringend was gegen die Goldseller unternehmen. Diese überfluten die Chats mit Nachrichten, dass man mit „ignorieren“ gar nicht nach kommt und eine normale Kommunikation bis jetzt fast unmöglich macht.
Ich bleibe am Ball. Vielleicht sollte ich auch noch mal wieder die heiße Banane riskieren.