Ja, ist denn schon wieder Wahl, oder was?

Ach unsere gewählten politischen Vertreter. Nachdem bereits Joachim Herrmann (CSU) Computerspiele auf eine Stufe mit Kinderpornografie stellte, Christine Haderthauer (CSU) das „Killerspiel“ World of Warcraft wegen erhöhter Suchtgefahr verbieten will, darf natürlich jetzt auch die SPD nicht fehlen, um ihre Strategie im Umgang mit Computerspiele kund zu tun. Dies übernahm jetzt Angela Kolb (SPD) – immerhin Justizministerin Sachsen-Anhalts. Wie auch schon bei ihren CSU-Kollegen angeklungen, zielt sie direkt gegen die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, kurz USK, und das Prüfverfahren:
„Im vergangenen Jahr wurde für 3000 Computerspiele eine Zulassung beantragt. Die 50 Tester der USK haben dann für jedes Spiel fünf bis zehn Tage Zeit. „Bedenkt man, dass ein geübter Spieler 70 bis 100 Stunden an einem Computerspiel sitzt, so kann man sich vorstellen, dass den Testern gar nicht genügend Zeit für ein Spiel bleibt“ (SpOn)
Seufz.
Ich habe bei Herrn Herrmann stillgehalten und auch bei Frau Haderthauer. Aber jetzt muss ich einfach. Es ist so unglaublich erschreckend, wie auch niederschmetternd, wie unwissend die Politiker im Zusammenhang mit der Thematik zur Alterskennzeichnung von Computerspielen sind. Und wie wenig sie über die eigentlich USK wissen. Einer Einrichtung, die sie seit Jahren maßgeblich durch ihre politischen Entscheidungen beeinflussen. Ich mag mir gar nicht ausmalen, ob sie bei der Vielzahl der anderen Probleme in diesem Land, ähnlich oberflächlich und nicht informiert ihre Entscheidungen treffen. Mag ja sein, dass sie sehr viel zu tun haben. So eine Demokratie zu verwalten, ist zeitaufwendig. Ich bekomme das durch meinen ausgeübten Beruf täglich mit. Es gibt doch aber sicherlich wenigstens noch irgendwo einen guten Untergebenen im näheren Umfeld, der die Recherche übernehmen könnte.
Ich befasse mich seit Jahren mit diesem Thema, wenn auch mehr oder weniger zwangsläufig. In jungen Gamerjahren habe ich die USK gehasst und ihnen Zensur vorgeworfen. Mittlerweile, im reiferen Gameralter, halte ich die USK für eine gute Einrichtung und bin ein wenig stolz, dass ich einem Land lebe, die diese umfangreichen Prüfregularien durchführt. Kein Land dieser Erde betreibt solch einen Aufwand (zumindest ist mir keins bekannt), um ein einfaches Hobby für bestimmte Altersgruppen zu katalogisieren. Ist doch irgendwie toll, wie man sich um uns sorgt. Ich würde mir diese Sorgfalt noch in vielen anderen Themenbereichen der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik wünschen.
Leider scheinen die meisten Politiker das aber überhaupt nicht zu wissen. Ich habe für eine Recherche keine 10 Minuten benötigt, um mich umfassend über die Prüfungsregularien der USK zu informieren. Auf den Internetseiten der USK (www.usk.de) finden sich verständlich und gut geschriebene Erklärungstexte und ein sehr aussagekräftiges Schaubild. Und wer es gerne behördlicher mag, findet auch die gewohnt sperrig formulierten Texte. Danach dürfte man kaum noch offene Fragen zum Ablauf der Prüfung haben. So wird
- jedes Spiel getestet
- jedes Spiel gespielt
- jedes Spiel auch durchgespielt
- jedes Spiel in einem unabhängigen 16er Gremium besprochen
- jedes Spiel und seine Kennzeichnung durch die Obersten Landesjugendbehörden freigegeben
Gerade den letzten Punkt möchte ich noch mal besonders hervor heben:
„Die Obersten Landesjugendbehörden (OLJB) haben einen Vertreter benannt, der im Begutachtungsverfahren jeder Prüfung mitwirkt. Am Ende empfiehlt das Prüfgremium eine Altersfreigabe, die er übernimmt oder gegen die er ein Veto einlegt.“
Liebe Politik, Ihr seid bei jeder Prüfung mit im Boot. Jede USK-Wertung zwischen 0 und 18 Jahren wird von euch mit abgesegnet! Geht ihr etwa genau so lax mit deren Empfehlungen um, wie ihr euch scheinbar auch nur mit der Thematik des Jugendschutzes von Video- und Computerspielen beschäftigt?
Bitte, bitte, mit Sahne obendrauf, informiert euch vorher ein wenig besser, bevor ihr Sachen in die Öffentlichkeit tragt und die Bürgerinnen und Bürger noch weiter verunsichert. Wenn niemand von euren Mitarbeitern dazu Zeit findet, die Recherchemappe zusammen zu stellen, fragt mal zu Hause eure Kinder. Die wissen mittlerweile auch recht gut Bescheid.
Ihr wisst gar nicht, wie medienwirksam positiv ihr die USK für eure Zwecke nutzen könntet. Denkt mal drüber nach!
(In eigener Sache: Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich mich dazu auslasse. Letztlich geht mir aber die Unwissenheit (oder ist es offensichtliche negative Propaganda) der Politik ziemlich auf die Nerven. Sowas kann ich einfach nicht mehr ignorieren und sowas werde ich auch in Zukunft nicht mehr ignorieren. Wenn ich durch meine Zeilen auch nur einen weiteren Unwissenden erreiche und ihn zum Nachdenken anrege, ihn animiere sich selbst zu informieren oder ihn einfach nur auf den oftmals falschen dogmatischen Dilettantismus der deutschen Politiker hinweisen kann, habe ich mein Ziel erreicht. Nun entschuldigt mich, ich geh nun in den Wald und schreie die Bäume an… )

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